DIE WG IN UNSEREM DARM

Wie 39 Billionen Untermieter unser Leben steuern

Der Einzug

Stell dir vor, du bist neun Monate lang der VIP-Gast in einem exklusiven Fünf-Sterne-Hotel. Es ist warm, das Licht ist abgedunkelt und das Essen kommt per Room Service über eine speziell für dich eingerichtete Standleitung. In diesem Raum bist du biologisch gesehen fast allein. Und dann kommt der Tag, an dem du auschecken sollst und plötzlich ändert sich alles. Nicht nur die akustischen und optischen Reize nehmen zu, nein in dem Moment, in dem du die Bühne der Welt betrittst, endet deine Zeit als einsamer Eremit und du wirst innerhalb von Sekunden zum Gastgeber der größten und wildesten WG-Party des Planeten. Die Besiedlung des menschlichen Darms durch eine Vielzahl an Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilzen passiert während des Geburtsvorgangs und unmittelbar danach. Hierbei nehmen wir entweder die Naturroute (vaginale Geburt) und bekommen ein fein abgestimmtes Willkommenspaket unserer Mutter in die Hand gedrückt, oder wir betreten die Party mehr durch den Seiteneingang (Kaiserschnitt) und sammeln unsere Mitbewohner mehr nebenbei ein. Welchen Weg wir auch wählen, in jedem Fall sind wir nun Host für etwa 38 Billionen Party-Gäste. 

DAS ÖKOSYSTEM – wer wohnt in deiner WG 

Diversität spielt in allen Lebensbereichen eine entscheidende Rolle. Und so ist es auch bei den Bewohnern in unserem Darm, je vielseitiger, desto besser. In den Anfängen besiedeln aerobe Bakterien unseren Darm, also Bakterien die Sauerstoff tolerieren, nach ein paar Tagen kommen weitere Gäste hinzu wie Enterobacteriaceae, Streptococcus und Staphylococcus. Nach ein paar weiteren Tagen folgt der Einzug der Bakterienstämme Bacteroidetes und Firmicutes, dabei zählen die Bifidobakterien und Laktobazillen zu den bekanntesten Partygästen. 

Schnell besiedeln sie die freien Flächen, tapezieren die Wände, hängen ihre Vorhänge auf, bilden Putzkolonen und fangen an den Wohnraum aufzuräumen. Nebenbei produzieren sie Vitamine und Fettsäuren, die du für dein Überleben dringend benötigst, sozusagen die Miete an dich. Sie bilden Türsteher aus, die ungebetene Gäste an der Tür abweisen. Nicht nur Bakterien machen es sich heimisch, auch Viren, Bakteriophagen, Archaeen, Protozoen und Pilze gehören in diese bunte WG. Was für eine harmonische Wohngemeinschaft, du stellst Kost und Logis und als Gegenleistung räumen sie dir die Bude auf und halten dir lästige Vertreter an der Tür vom Leib. 

DAS BÜFFET IST ERÖFFNET 

Gute Partys brauchen gutes Essen, um die Gäste bei Laune zu halten. Deshalb enthält unsere erste Mahlzeit, die wir in unserem Leben bekommen, alle Bestandteile, um nicht nur uns, sondern auch unsere Bakterienfreunde zu versorgen.

Muttermilch enthält alle notwendigen Nährstoffe, wie Kohlenhydrate, Fette und Proteine, sowie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Daneben enthält sie aber auch biologisch aktive Substanzen wie die Humanen Milch-Oligosaccharide. Und hier zeigt sich der Humor der Natur! Diese Mehrfachzucker kann dein Darm nicht verdauen. Nein, diese Kohlenhydrate sind das „Catering“ für ganz spezielle Mieter in deinem Bauch, Bifidobakterium infantis, ein wichtiges Bakterium für die frühkindliche Entwicklung des Darms. 

Happy End?!

Wie man ein guter Vermieter wird und warum Monotonie langweilig und gefährlich ist.

Eine Geschichte wäre keine gute Geschichte, wenn nicht noch ein „BadGuy“ seinen Auftritt machen würde. Und so passiert es, wenn, über eine längere Zeit viel Zucker, stark verarbeitete Lebensmittel und eine eintönige Nahrung serviert wird. Dann fangen deine freundlichen Untermieter an zu hungern und werden nach und nach von den zwielichtigen, grummeligen Artgenossen verdrängt. Die fühlen sich nämlich in einer zuckerreichen, schlammigen Umgebung pudelwohl und übernehmen die ganze Veranstaltung. Und wenn die Party nur noch aus Fast-Food-Hooligans besteht, rauscht die Stimmung des ganzen Gebäudes gewaltig in den Keller. Diese Mietnomaden fangen an haufenweisen Müll zu produzieren, verbreiten schlechte Laune und im schlimmsten Fall reißen sie dir die Tapeten von den Wänden und die Vorhänge von den Stangen.

DAS GEBOT DER STUNDE: DIVERSITÄT STATT MONOTONIE! 

Aber keine Sorge, als Vermieter hast du immer das Recht auf eine fristlose Kündigung. Tägliche bunte Obst und Gemüsepakete überfordern die grantigen Mietpreller, die schnell beim Anblick von Brokkoli und Co. das Weite suchen. Gleichzeitig kehren die freundlichen Mieter zurück. Plötzlich wird im Treppenhaus wieder gelächelt, die Tapeten werden geflickt und die Fenster poliert. Die Energie fließt und die Symbiose ist wieder hergestellt.

Um langfristig für ein gutes Wohnklima zu sorgen, wünschen sich deine Mieter echtes, farbenfrohes und vielseitiges Essen. Viel frisches Obst und Gemüse in allen Farben soll auf dem Menüplan stehen, dazu Vollkorngetreide, gesunde Fette und auch gerne weitere Partygäste die sich in fermentierten Lebensmitteln wie Joghurt, Kefir, Kimchi, Sauerkraut, Kombucha usw. aufhalten. 

Fazit

Wie bei jeder legendären Party bestimmt der Gastgeber die Stimmung. Verrauchte, eintönige Hinterhof Party mit schlechten Beats und einsilbigen Gesprächen, oder eine bunt gemischte Partygesellschaft, mit Live-Band, glitzernder Deko und interessanten Gesprächen. Du hast es in der Hand. Gutes Essen, Ruhe und Entspannung, Freunde und Familie, Bewegung und Freude 

Inspiration für eine Gästeliste

Grundsätzlich kann man sagen, dass alle pflanzlichen Lebensmittel ein Hochgenuss für unsere Darmfreunde darstellen.